1971
Die Sommertagung findet in Wien statt. Der Fachausschuss ,,Ausbildung
und Fortbildung in der Schiffstechnik'' arbeitet in mehreren Arbeitsgruppen
intensiv an Fragen des Berufsbildes und Tätigkeitsfelder der Ingenieure,
der Gesamthochschule sowie der Ausbildung und Fortbildung. Innerhalb
kurzer Zeit werden richtungsweisende Beschlüsse formuliert und
z.T. auch direkt umgesetzt, so z.B. gutbesuchte Fortbildungsveranstaltungen.
Es werden aus verschiedenen Spendenbeträgen Preisausschreiben für
die Anfertigung technisch wissenschaftlicher Arbeiten ausgelobt. Professor
Illies führt auf seiner Begrüßungsrede anläßlich
der Hauptversammlung u.a. aus: ,,Mit der technischen Entwicklung treten
wissenschaftliche Arbeiten mehr und mehr in den Vordergrund, womit zwangsläufig
eine Spezialisierung und Verästelung der Arbeiten verbunden ist.
Diese Verästelung bringt aber die Gefahr eines Nebeneinander mit
sich. Das Gesamtgebiet wird unübersichtlich und das Zusammenspiel,
das bei dem Gesamtorganismus ,,Schiff'' so besonders wichtig ist,
wird gefährdet. Es gehört zu den Aufgaben unserer Gesellschaft,
einen echten technischen Fortschritt in diesem Sinne zu fördern
durch Zusammenfassung aller geistigen Kräfte auf den verschiedenen
Gebieten der Schiffstechnik ...''. Mit den Bemühungen Professor
Illies, den Ingenieur in das allg. kulturelle Geschehen einzuordnen,
geht auch eine erhöhte Einbindung der Gesellschaft in das allg.öffentliche
Leben einher, was u.a. dazu führt, daß herausragende Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens Interesse an der Gesellschaft zeigen. Der
Hamburger Wirtschaftssenator bekräftigt Hamburgs Interesse am Schiffbau
und damit auch an der STG. Die Dokumentationsstelle für Schiffstechnik
der STG wird aus den Räumen der Staatsbibliothek in das Institut
für Schiffbau verlegt, was seine Effektivität erheblich erhöht.
Es wird ein engerer Kontakt zu den westeuropäischen Gesellschaften
wie der ,,Section of Marine Technology of the Royal Netherlands Institution
of Engineers'', der ,,Association Technique Maritime et Aeronautique''
, der ,,Royal Institution of Naval Architects'' und der STG vereinbart.
1972
Die Sommertagung findet in enger Zusammenarbeit mit der ,,Associazione
di Technica Navale'' in Venedig und Triest statt. Professor Pestel,
einer der Initiatoren des ,,Club of Rome'' hält den Festvortrag
auf der Hauptversammlung, die durch den Regierenden Bürgermeister
Schütz in Berlin eröffnet wird. Professor Illies macht wiederum
auf die besondere Verantwortung des Ingenieurs aufmerksam, die dieser
bei der Entwicklung der Menscheit habe. Umweltschutz und behutsamer
Umgang mit Energie und den Ressourcen der Erde können Ingenieure
besser erhalten, verwalten und bewahren, als viele der selbsternannten
politischen Gruppen, weil Ingenieure eben die eigentlichen Kenner der
Technik, die hinter allem steht, sind. Professor Wille erhält die
silberne Denkmünze der Gesellschaft. Professor Illies wird die
goldene Denkmünze der Gesellschaft verliehen. Damit wird der besondere
Einsatz Professor Illies als Fachausschussleiter, Leiter des Technisch-Wissenschaftlichen
Beirats, als Wissenschaftler und Ingenieur sowie als Vorsitzender der
Gesellschaft gewürdigt. In seiner Begrüßungsrede erwähnt
der Regierende Bürgermeister von Berlin, daß es nunmehr wieder
gelungen ist, mit Einschränkungen in die DDR zu telephonieren und
daß die Zugangswege nach Berlin nunmehr gesichert sind. Der Fachausschuss
,, Ausbildung und Fortbildung in der Schiffstechnik'' führt eine
umfangreiche Fragebogenaktion durch.
1973
Die Gesellschaft veranstaltet ihre Sommertagung in Oslo. Professor
Schnadel erhält die goldene Ehrennadel für 50jährige
Mitgliedschaft in der Gesellschaft. Die Gesellschaft schreibt ein Preisausschreiben
mit dem Thema ,,Rettung aus Seenot'' aus, nachdem für das
Preisausschreiben ,,Sicherheit auf Binnenschiffen'' gleich acht
Arbeiten eingereicht worden waren, von denen drei ausgezeichnet werden.
Der Präsident der Universität Hamburg Dr. Fischer-Apelt
bedankt sich bei der Gesellschaft anläßlich der Hauptversammlung
in Hamburg für die hilfreiche Arbeit des Fachausschusses ,, Ausbildung
und Fortbildung in der Schiffstechnik'' bei der Konzipierung des ,,Hochschulübergreifenden
Studienganges Schiffbau'' sowie des Kontaktstudiums am Institut
für Schiffbau, welches mit der Gesellschaft zusammen ins Leben
gerufen wurde. Die Satzung wird derart geändert, daß statt
sechs bis zu acht Mitglieder in den Vorstandsrat kooptiert werden können,
um so sicher gehen zu können, daß alle relevaten Mitgliedsgruppen
auch im Vorstandsrat vertreten sein können. Außerdem wird
beschlossen, daß die Altvorsitzenden das Recht haben sollen, an
den Vorstandsratssitzungen mit beratender Stimme teilzunehmen. Man beschließt,
die goldene Ehrennadel statt nach 50jähriger schon nach 40jähriger
Mitgliedschaft zu verleihen.
1974
Die Gesellschaft begeht ihr 70jähriges Jubiläum. Der Bundespräsident
Walter Scheel schickt ein Glückwunschtelegramm. Die Feierstunde
wird überschattet durch den Mord an dem Diplomaten Günther
von Denkmann durch die RAF (Rote Armee Fraktion). Professor Illies erinnert
daran, daß im Gründungsjahr der Gesellschaft auch den Technischen
Hochschulen das Promotionsrecht in Deutschland verliehen wurde, allerdings
mit der in deutscher und nicht wie sonst üblich lateinischer Sprache
angehängten Bezeichnung ,, Ingenieur'' . Der Dr.-Ing., zunächst
als Diskriminierung verstanden, hat sich aber dann, ähnlich wie
,,Made in Germany'', als besonders wertvolles Markenzeichen entwickelt.
Die Gesellschaft beschließt, den Bremer Reeder Johannes Kulenkampff,
der sich sehr um die Gesellschaft verdient gemacht hat, zum Ehrenmitglied
zu ernennen. Die Gesellschaft möchte mit dieser Auszeichnung besonders
auch den deutschen Reedern danken, die seit vielen Jahrzehnten der Gesellschaft
verbunden sind. Anläßlich der Jubiläumsfeier wird die
goldene Denkmünze an Professor Amtsberg und die silberne an Hans
Brehme, Hans S. Kannt und Professor A. Wangerin verliehen.
Die Gesellschaft gibt eine Festschrift heraus, welche von einzelnen
Mitgliedern gestaltet, die technisch-wissenschaftliche Entwicklung des
Schiffbaues an Hand der vor der Gesellschaft gehaltenen Vorträge
aufzeigt. Professor Weinblum verstirbt.
1975
Die Gesellschaft hat 1948 persönliche und 271 korporative Mitglieder.
Die von der Gesellschaft unterhaltene Dokumentationsstelle hat noch
immer Schwierigkeiten, eine ausgeglichene Kosten-Einnahmenbilanz zu
erzielen. Die Sommertagung findet in Düsseldorf statt, wo verschiedene
Betriebe der Stahlherstellung besichtigt werden.
1977
An Stelle der üblichen Sommertagung findet eine West European
Conference on Marine Technology (WEMT) in London unter Beteiligung der
verschiedenen Gesellschaften der Länder statt.
- England
- Royal Institution of Naval Architects, The Institute of Marine
Engineers, The Institution of Engineers and Shipbuilders in Scotland,
The North East Coast Institution of Engineers and Shipbuilders, The
Royal Institution of Navigation, The Nautical Institute
- Finnland
- The Finnisch Committee on Marine Technology
- Frankreich
- Association Technique Maritime et Aeronautique
- Holland
- Koninklijk Instituut van Ingenieurs-Sektie voor Scheepstechniek,
Nederlandse Vereiniging von Technici op Scheepsvartgebiet
- Italien
- Associazione Italiana di Technica Navale
- Norwegen
- Skipsteknisk Forbund
- Spanien
- Asociacion de Ingenieros Naval
- Schweden
- Svenska Mekanisters Riksförenning-Shipbuilding
Section
Die Konferenz steht unter dem Motto ,,Safety at Sea'' . Dem Vorsitzenden
der Gesellschaft, Professor Illies, wird von der Technischen Universität
Berlin die Ehrendoktorwürde verliehen. Dr. Henry de La Trobe
hält den Festvortrag ,,Auf dem Weg zum zukünftigen Schiff''
.
1978
Professor Illies erklärt für das kommende Jahr seinen Rücktritt,
da ihm nach 25 Jahren Leitung eines Fachausschusses, 6 Jahren Leitung
des Technisch-Wissenschaftlichen Beirats und 12 Jahren Vorstandstätigkeit
nunmehr die Freude an diesen ehrenamtlichen Tätigkeiten recht getrübt
sei. Die Sommertagung findet am Bodensee statt, um besonders auch den
Süddeutschen Mitgliedern eine ortsnahe Veranstaltung zu bieten.
Zum wiederholten Male betont Professor Illies den von den persönlichen
Interessen einzelner Unternehmen unabhängigen, rein technisch-wissenschaftlichen
Charakter der Gesellschaft. Professor Illies zitiert auf der Hauptversammlung
ein langjähriges aktives Mitglied der Gesellschaft über die
STG.
Er verdanke der Gesellschaft: die Ausstrahlung der großen Männer
der STG, die er als Vortragende erlebt hat, die unzähligen Anregungen
durch persönliche Kontakte auf den STG-Versammlungen und Ausschußsitzungen
und letzten Endes auch die Besinnung auf die Verantwortung des Ingenieurs
für unser Volk.
Der Präsident der Technischen Universität Berlin, Dr. Berger,
weist anläßlich der Hauptversammlung auf besondere Sorgen
in Lehre und Forschung hin. Er führt u.a. aus:
,,Vorstandsmitglieder mehrerer großer Industrieunternehmen haben
mir gegenüber ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, daß der heutige
Absolvent der Hochschule zu sehr mit einer spezialisierten Ausbildung
in die Praxis entlassen wird. Schwierigkeiten sind dann unvermeidlich,
weil auf Grund des wissenschaftlichen-technischen Fortschritts heute
wesentlich breitere Anforderungen an den Praktiker gestellt werden,
als dies vor Jahren noch der Fall war.
Neben dieser Sorge wird von Industriemanagern zunehmend darauf hingewiesen,
daß der in der industriellen Forschung tätige oder für
das Unternehmensmanagement vorgesehene Akademiker zu wenig Kenntnisse
über die gesetzlichen Bedingungen z.B. im Umweltschutz und die
Sicherheitsbestimmungen sowie über die neuen tarifvertraglichen
Tendenzen z.B. zur Humanisierung und zum Rationalisierungsschutz
wisse; er könne ohne dieses Wissen nur mit mangelnder Vorausschau
arbeiten und dem Unternehmer nur begrenzt nützen. Dies heißt
doch im Klartext, daß der Student sein Studium nicht eindimensional,
nur mit Scheuklappen versehen, betreiben soll und daß ein zu enges
Fachstudium die Gefahr fördert, daß ein erheblicher Qualitätsverlust
eintritt.
Die heute zur Diskussion stehende Regelstudienzeit -- so ist und bleibt
zu befürchten -- wird keine Konzentration der Studiengänge
auf das Wesentliche bringen. Wenn hier auch in der Hochschule keine
ernsthafte Selbstbesinnung eintritt, wird der bisherige Lehrstoff lediglich
stärker komprimiert den Studenten angeboten. Dies ist kein Ausweg,
weder für die Qualität des Studiums noch für eine sinnvolle
Praxisorientierung und damit für eine reale Beschäftigungschance
der Studienabgänger.
... durch die Einführung der Regelstudienzeit wird bei den Studenten
ein Klima erzeugt, daß zwischen Strebertum und Apathie hin und
her schwankt und in dem der letzte Rest an Solidarität unter den
Studenten zerstört wird, wobei -- auch daran ist zu denken -- der
sozial schwächste Teil unter den Studenten sicher am härtesten
betroffen sein wird. Damit kein Mißverständnis aufkommt:
Die Technische Universität bekennt sich klar und eindeutig zum
Leistungsbegriff; sie steht zu einer wissenschaftlichen Ausbildungsleistung
mit Praxisbezug. Hierzu ist jedoch notwendig, die Stoffanhäufung
in den Studiengängen einzugrenzen, die als eine von Kapazitätsverordnungen
mitgenährte Größe der Indivdualangebote von Hochschullehrern
zu erklären ist. Wir können aber nicht stärkere Praxisorientierung,
eine stärkere Einbeziehung sozialer Probleme in die Fachausbildung
und eine Erweiterung der traditionellen Lehrinhalte um Umwelt-, Arbeitswelt-
und Dritte-Welt-Problematik verlangen, ohne die Studiendauer und Verweildauer
der Studenten an der Universität unvoreingenommen, d.h. ohne die
Scheinrationalität einer Regelstudienzeit zu diskutieren. Ob ein
Student ein oder ein und ein halbes Jahr länger studiert als der
Durchschnitt ist absolut nebensächlich, verglichen mit der Frage,
was er nach dem Studienabschluß aufzuweisen hat an Inhalt und
Qualität. Darüber muß gestritten werden.
Es geht hier nicht um Studenten, die 40 Semester, nicht einmal um solche,
die 20 Semester studieren. Diese Probleme konnten schon mit den bisherigen
Mitteln gelöst werden. Es geht vielmehr darum, daß Studenten,
die nicht das Glück haben, ihr Studium voll von ihren Eltern finanziert
zu bekommen, die keine Spitzenbegabungen darstellen, die -- aus welchen
Gründen auch immer -- Prüfungsschwierigkeiten haben, ihre
Leistungen auch noch erbringen, wenn sie die durchschnittliche Studienzeit
um einige Semester überschreiten. Jeder andere Prozeß ähnelt
mehr dem Naturgesetz von der Selektion der Arten und dem Recht des Stärkeren,
für die keine Gruppe in unserer Gesellschaft heute mehr ernstlich
eintreten kann.
Es ist an der Zeit, daß wir endlich die Diskussion darüber
aufnehmen, welche Inhalte unter fachlichen, methodischen und gesellschaftlichen
Gesichtspunkten in jeder Studien- und Prüfungsordnung verlangt
werden müssen, wobei ich noch einmal betonen möchte, daß
auch die akademische Ausbildung eine gute wissenschaftliche Qualität
haben soll, praxisorientiert sein muß und in einer angemessenen
Zeit absolviert werden soll. Genau so wichtig ist aber auch, daß
der Studienabgänger im eigenen, aber auch im gesellschaftlichen
Interesse frühzeitig befähigt wird, den auf ihn zukommenden
Anforderungen im Erwerbsleben gerecht zu werden. Eine inzwischen beliebt
gewordene Gleichsetzung von praxisorientiertem Studium und der Vermittlung
von bloßem Fachwissen stellt eine verhängnisvolle Verkürzung
dar, da bekanntlich reines Fachwissen inzwischen in zunehmendem Maße
schneller veraltet als dies früher der Fall war. Die breite Grundlagenausbildung,
die methodisch befähigt, neue Probleme systematisch anzugehen,
muß auch in Zukunft das Fundament jeder akademischen Ausbildung
bleiben. Sie muß in Zukunft jedoch in neuen Formen vermittelt
werden, die die komplizierten Zusammenhänge der praktischen Probleme
und den durch Arbeitsteilung und Zusammenarbeit geprägten Arbeitsprozeß
in der Praxis widerspiegeln.
Hintergrund der z.T. stark gestiegenen Studienzeiten sind einerseits
ein reduziertes Leistungsbewußtsein der Studierenden, die das
eigentliche Studium nur noch als Teil einer ansonsten durch Erwerbs-
und Freizeit dreigeteilten Lebensgestaltung betrachten, aber auch durch
die zwangsweise Festlegung von Vorlesungsverpflichtungen des Lehrkörpers
in einem Umfang, der eben zu einer Vielzahl von Spezialvorlesungen führt.
''
Die Ausführungen Dr. Bergers zeigen aber auch, daß
der Elitegedanke hinter einer besonderen Unterstützung weniger
leistungsfähiger Studenten steht. Dieses entspricht dem allg. gesellschaftlichen
Trend, der unter Elite weniger eine Personengruppe versteht, die zu
besonderer Verpflichtung für die Gesellschaft aufgerufen ist, als
eine Gruppe, die zu besonderer Privilegierung in materieller Weise sich
zu entwickeln droht. Zur Erinnerung an Professor Weinblum, wird eine
jährliche Weinblum-Gedächtnis-Vorlesung erstmalig abgehalten.
Sie soll jeweils im Rahmen der Hauptversammlung der STG, durch eine
Weinblum-Stiftung unterstützt, abgehalten werden.
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1980
Gemeinsam mit der STG wird die ,,3. West European Conference on
Marine Technology'' in Norwegen abgehalten. Auf der Hauptversammlung
in Berlin berichtet der Präsident der Technischen Hochschule Berlin,
Professor Starnick, von der über 100jährigen Schiffbauausbildung
an seiner Universität. Professor Schnadel verstirbt, Professor
Gabler, ehemaliger Schüler von Professor Schnadel, würdigt
den Verstorbenen:
,,Eines unserer Ehrenmitglieder und Inhaber der goldenen Denkmünze
unserer Gesellschaft hat uns in diesem Jahre verlassen: Professor Schnadel,
geboren 1891, starb am 26. April im Alter von 88 Jahren. In die
Jugend Schnadels fällt seine Teilnahme am 1. Weltkrieg von
seinem Beginn bis zum Ende. Danach setzte Schnadel seine vor dem Kriege
in München begonnenen Studien in Danzig fort. Nach einigen Jahren
auf Werften und in der Industrie kam er wieder an die Technische Hochschule
Danzig als Assistent. Er promovierte und habilitierte sich; er erhielt
einen Lehrauftrag für höhere Statik des Schiffes. 1928 wurde
er, nunmehr mit einer Danzigerin verheiratet, Ordinarius für Statik
der Schiffe und für Schiffselemente an der Technischen Hochschule
Berlin. Zehn Jahre später -- 1938 -- wurde er Vorstandmitglied
des Germanischen Lloyds und weitere vier Jahre danach Vorsitzender unserer
Gesellschaft als Nachfolger des verstorbenen Geheimrates Professor Schütte,
dessen Bestreben, unsere Gesellschaft von der Gleichschaltung mit anderen
NS-Organisationen freizuhalten, er erfolgreich fortsetzte.
In den schwierigen Jahren unmittelbar nach Kriegsende hat sich Schnadel
ganz besondere Verdienste erworben. Er war der erste gewählte Rektor
der Technischen Hochschule Berlin, die unter ihm ihren Lehrbetrieb wieder
aufnahm. Ihm ist die Ingangsetzung der Schiffbaulehre an der Technischen
Hochschule (der heutigen Technischen Universität) Hannover und
am Institut für Schiffbau in Hamburg zu verdanken. Daß der
Germanische Lloyd seine Tätigkeit so bald wieder aufnehmen konnte,
ist ganz wesentlich auf ihn zurückzuführen. Unsere Gesellschaft
hat er 1950 wieder ins Leben gerufen. Er führte ihren Vorsitz noch
weitere zehn Jahre mit Erfolg. Durch das hohe erreichte Lebensalter
liegen seine Verdienste um die Schiffbautechnik naturgemäß
schon weit zurück, sie sind deswegen der jüngeren Generation
nicht mehr so gegenwärtig.
Zu Beginn der Lehrtätigkeit Schnadels war der Schiffbau noch eine
sich schnell entwickelnde Industrie; zunehmend größere und
sehr lange Schiffe wurden gebaut und waren in Fahrt. Das Längsspantensystem
für Tanker sowie die konsequente Längsspantenbauweise der
Reichsmarine waren bereits eingeführt. Indessen war eine vergleichsweise
sichere rechnerische Voraussage der zu erwartenden Beanspruchungen der
Schiffe nicht möglich, man arbeitete noch im wesentlichen empirisch.
Schnadels Schaffen ist eine konsequente Folge von Arbeiten, um diese
Empirie durch exakte Kenntisse der wirklich tragenden Verbände
und der tatsächlichen Beanspruchung des Schiffes im Seegang zu
ersetzen. Seine Habilitation befaßte sich mit der mittragenden
Breite von Platten bei kastenförmigen Trägern. Die Auswertung
bereits durchgeführter statischer Biegeversuche mit Schiffen bestätigen
die Richtigkeit der neuen Theorie.
Zur Ermittlung der wirklichen Verhältnisse eines Schiffes im Seegang
wurde unter seiner Leitung -- zusammen mit Professor Horn, Herrn Weiß
u.a. -- die Hochseemeßfahrt des Hapag-Schiffes ,,San Francisco''
1934 durchgeführt. Erstmals wurden bei starkem Seegang die Wellenhöhe
durch stereometrische Fotografie aus den Masten, die Wellenkontur am
Schiff, die vom Wasser ausgeübten Drücke auf den Schiffsboden,
die Durchbiegung und die Dehnungen am Schiff selbst sowie dessen Schwingungsverhalten
koordiniert gemessen. Das Ergebnis war wohl der bedeutendste deutsche
Beitrag zur Entwicklung der modernen Schiffstheorie überhaupt.
Die Berichte dieser Meßfahrt füllen den größten
Teil des STG-Jahrbuches 1936. Professor Schnadel wird allen seinen ehemaligen
Hörern in dauernder Erinnerung bleiben wegen seines lebendigen
und tiefgreifenden Vortrages, wegen seiner Fähigkeit zu blitzschneller
Überschlagsrechnung, besonders aber wegen seiner menschlichen Wärme
und Zuverlässigkeit; seine Kämpfernatur hat besonders gewirkt
zugunsten der Institution, für die Schnadel tätig war. Ein
mit vielen freudigen Höhepunkten und auch pesönlichem Leid
erfülltes langes Leben ist zu Ende gegangen. Schnadel hat sich
um unsere Gesellschaft verdient gemacht. ''
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