1991
Die Sommertagung findet in Rostock statt. Bei diesem Treffen sprach
Dr.-Ing. Klaus Meyne einige zu Herzen gehende Worte:
,,Herr Vorsitzender! Meine Damen! Meine Herren! Die Tagung der Schiffbautechnischen
Gesellschaft in der Hansestadt Rostock in einem vereinigten Deutschland.
Ein unvorstellbarer Traum? Ein unvorstellbarer Traum! Im Vorstandsrat
unserer Gesellschaft, so habe ich festgestellt, bin ich der einzige,
der sein Studium und damit seinen Berufsweg hier in Rostock begonnen
hat. Deshalb habe ich Herrn Professor Keil gebeten, vor Ihnen sprechen
zu dürfen. Es waren neben mir viele, sehr viele, zu viele Unruhige
und Unbequeme, die in jenen Jahren weggegangen sind. Und dieses Weggehen
war nicht leicht. Doch nun? Heute? Manch einer von uns wird gekommen
sein, um Fragen zu stellen. Manch anderem wird man nur stumm gegenüber
stehen können. Antworten werden oft nicht erforderlich sein.
Die Zeit muß Irrtümer heilen. Wird sie es können?
Etwas kaum Vorstellbares ist eingetreten! Hat das alles ein Mensch
allein bewirkt oder war die Zeit dafür herangereift? Diejenigen
von uns, die diese, unsere Einheit begrüßen, sollten vielleicht
einen Michaelstag fordern, einen Tag des Michael G.
Michael ist ein hebräisches Wort und bedeutet: , Wer ist Gott
gleich?'. Und es steht geschrieben seit alter Zeit: Als Engel des Volkes
wird er besonders in Deutschland verehrt, als Anführer im Kampf
gegen die Finsternis, als Ritter im siegreichen Kampf mit dem Drachen.
Wir suchen hier nun unsere ehemaligen Freunde und unsere Erinnerungen.
Hier haben wir unseren Berufsweg begonnen. Hier in dieser Stadt ist
ein Teil unserer Jugend, unseres studentischen Übermutes verblieben.
Begegnen wir ihm wieder? Von hier aus haben wir einen Namen mit in die
Welt genommen: Schiesewitz! (Das war die Kneipe der Schiffbaustudenten)
Was ist dagegen Auerbachs Keller?
Wir erinnern uns an unsere Dekane: an Professor Macklin, den Listigen,
an Professor Krause, den Liebenswürdigen, und an Professor Geertz,
den Unbeugsamen. Über die Jahre nach 1957 mögen andere berichten!
Wir ließen zurück als wir gingen: Freunde, Freundschaften,
Erinnerungen. Erinnerungen auch an die jungen Frauen Rostocks, an Anka,
Edda, Uta und an jenen begehrenswerten Traum: Tatjana! Denk ich an Deutschland
in der Nacht, selbst Heinrich Heine hätte es den Atem verschlagen.
In gewissen Zeiten schlägt eben Geschichte Kapriolen. Und: Wir
sind Zeugen einer solchen Zeit! Es wird viel Weisheit, Geduld und Mut
erforderlich sein. Wir wünschen dieser Stadt, diesem Land und seinen
Menschen eine gute Zukunft! Und, daß sie weiter leben möge:
Unsere Architectura Navalis!''.
Reinhard Mau, langjähriger Vorsitzender der Gesellschaft, wird
Ehrenmitglied der Gesellschaft.
1992
Der Geschäftsführer, Herr Feilcke, übergibt sein Amt
an Professor Dr.-Ing. Dreyer. Die Geschäftsräume der
Gesellschaft befinden sich nunmehr im Haus des Instituts für Schiffbau.
Es wird beschlossen, die Dokumentationsstelle der Gesellschaft aus Kostengründen
zu schließen, zumal sich die Kosten/Einnahmesituation drastisch
verschlechtert hat. Die WEMT (West European Cooperation in Marine Technology)
veranstaltet unter Beteiligung der STG in Madrid einen Kongreß
unter dem Motto ,,Ship procurement and ship production''. Die
Gesellschaft beschließt erhebliche Satzungsänderungen, die
besonders die Beteiligung von jüngeren Mitgliedern am Leben der
Gesellschaft ermöglichen soll. Weiter wird die Bestimmung aufgenommen,
daß die Verleihung von Denkmünzen an Vorstandsratsmitglieder
durch die Hauptversammlung erfolgen muß. Die Mitgliedschaft im
Vorstandsrat wird auf maximal drei Perioden in Folge, entsprechend 12
Jahren, begrenzt. Der Vorstand wird aus der Mitte der Vorstandsratsmitglieder
berufen und scheidet anschließend aus dem Vorstandsrat als Mitglied
aus. Es wird eine Wahlordnung beschlossen, die zwei Kandidatenlisten
vorsieht und zwar für Mitglieder bis 35 Jahre und über 35
Jahre.
1993
Professor Wendel erhält die goldene Denkmünze der Gesellschaft.
Die silberne Denkmünze erhält Dr.-Ing. C. Östergaard.
Die Gesellschaft erklärt ihren Austritt aus der WEMT (West European
Cooperation on Marine Technology), will sich dennoch im Rahmen ihrer
Sommertagung 1994 an der ,,5th International Marine Design Conference''
in Delft, Holland, beteiligen. Die Sommertagung findet in Augsburg
statt und wird durch einen umfangreichen Vortrag ,,Die großen
Augsburger Kaufmannsfamilien und ihre Aktivitäten in der Schiffahrt''
durch Dr. Schiff eingeleitet. Besonderer Höhepunkt ist
der Festvortrag anläßlich der Hauptversammlung durch Professor
Knizia ,,Der Ingenieur im Spannungsfeld von Natur- und Geisteswissenschaften''.
Professor Knizia beschreibt in seinem Vortrag die Notwendigkeit, daß
jegliche Energiediskussion nur unter Erfüllung des ersten und zweiten
Hauptsatzes der Thermodynamik erfolgen kann, denn die Physik läßt
sich nicht durch politische Wunschvorstellungen beeinflussen.
1994
Professor Droste und Dr.-Ing. Müller-Graf erhalten die silberne
Denkmünze der Gesellschaft. Die bisher für Mitglieder aus
den neuen Bundesländern gewährte Beitragsreduktion wird nunmehr
nach vier Jahren aufgehoben. Für Mitglieder aus Osteuropäischen
Ländern werden sog. Beitragspatenschaften gesucht. Die Hauptversammlung
in Berlin findet mit einer Beteiligung von nur 340 Mitgliedern statt.
Da seit einigen Jahren das Ernst Reuter Haus der Universität nicht
mehr zur Verfügung steht, muß in Berliner Hotels getagt werden.
Der Präsident der Frauenhofer-Gesellschaft, Professor Warnecke,
hält den Festvortrag. Der Präsident der Technischen Universität
Berlin berichtet darüber, daß die Versuchsanstalt für
Wasserbau und Schiffbau in die Universität eingegliedert werden
soll und daß in Zukunft mit drei Professoren auch die Schiffstechnik
und Meerestechnik in Forschung und Lehre in Berlin vertreten sein sollen,
und das vor dem Hintergrund einer sich dramatisch entwickelnden Kostensituation
in Berlin. Insgesamt macht sich nunmehr auch die Situation des Schiffbaues
in Deutschland in den Hochschulen bemerkbar. Einerseits werden die in
den sechziger und siebziger Jahren drastisch erhöhten Professorenstellen
reduziert, andererseits ist die Altersstruktur der Professoren derart,
daß die Mehrzahl der Professoren bis zur Jahrtausendwende in den
Ruhestand gehen werden. Hieraus ergeben sich jetzt schon Planungsüberlegungen
sowohl in Berlin als auch in Hamburg.
1995
Die Sommertagung findet in Dresden statt. Dresden war einmal ein wichtiger
Schiffbauort. So wirkte von Dresden der bedeutende Unternehmer Ewald
Bellingrath, der Begründer der ,,Elbschiffahrtsgesellschaft Kette''.
Die von ihm begründete erste deutsche Schiffbauversuchsanstalt
in Dresden-Uebigau hat so bedeutende Leiter wie Professor Engels, Dr. Gebers
und Professor Kempf gehabt. Auch Dr. Schlick hat in Dresden eine
Werft betrieben. Die Gesellschaft unterstützt den von Professor
Kruppa veranstalteten Kongress FAST95 in Lübeck-Travemünde.
Cai Boie erhält die silberne Denkmünze der Gesellschaft. Die
Zahl der Mitglieder hat sich bei 1700 eingependelt.
1996
Abweichend von den üblichen Gepflogenheiten wird die Hauptversammlung
in Bremen abgehalten. Die Gesellschaft will u.a. damit die Verbundenheit
zu den Mitgliedern der STG im Weserraum demonstrieren. Die düsteren
Schatten des drohenden Zusammenbruchs der Bremer Vulkan Werft belasten
auch die Veranstaltung. Der Vorsitzende des Verbandes Schiff und Meerestechnik
spricht sogar von Bremen als dem Waterloo des deutschen Schiffbaues.
Allgemein wird die Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit des
Deutschen Schiffbaues auf den Weltmärkten in der Steigerung der
Produktivität und Herabsetzung der Lohnkosten gesehen. Es wird
dabei die Notwendigkeit von Forschung und Entwicklung betont sowie die
qualifizierte Fortbildung der Beschäftigten und somit auch die
Schlüsselrolle der STG als Bindeglied und Plattform aller Schiffstechniker.
Da die Hauptversammlung in Bremen stattfindet, wird die Sommertagung
in Berlin abgehalten. Die Vorbereitungen zur 100 Jahrfeier der STG laufen
an.
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